Archiv für den Monat: Februar 2019

29. Wozu brauchen wir KI?

Alle Welt redet heute von KI [= künstliche Intelligenz]. Sie soll neu entdeckt sein und über Großrechner bald die menschliche Intelligenz übertreffen. Alles soll sich damit ändern: unser Privatleben, die Wirtschaft, der Staat, kurz alle Bereiche der Gesellschaft. Die einen betrachten das als Segen, die anderen als Fluch.

Wir werden uns dem Thema in drei Blog-Berichten nähern.

  1. Wozu brauchen wir KI?
  2. Der Mensch und die KI?
  3. Deutsche Wirtschaft und die KI?

Wir dürfen die Orientierung nicht verlieren. Dazu müssen wir uns den Überblick verschaffen und die Zusammenhänge erkennen. Das hieß früher Allgemeinbildung (vgl. Erziehung und Bildung, Weisheit und Wissenschaft). Nur Orientierung überwindet Unsicherheit und Ängste. Der Mensch muss „Herr des Geschehens“ bleiben. Andernfalls ereilt uns das Unglück von Goethes „Zauberlehrling“. Das gilt gerade für die KI!

Konfuzius wurde gefragt: „Meister, was müssen wir tun, um den Staat zu ordnen?“ Er antwortete: „Wir müssen die Begriffe klären.“ Fragen wir zuerst nach den Wortbedeutungen.

  • Intelligenz ist ganz einfach gesagt: Kluge Gedanken, schlaue Einfälle. Es ist das Denkvermögen, das wir Menschen besitzen, weil wir die Großhirnrinde haben. Das unterscheidet uns vom Tier.
  • Künstlich ist maschinell angefertigt, nicht natürlich. Es ist Menschenwerk.

KI ist kein Naturprodukt, sondern ein Kulturerzeugnis. (vgl. 8. Die Kultur hält eine Gesellschaft zusammen) Ohne Erfinder, Programmierer und Anwender keine KI!

Nun soll KI bald denken können wie ein Mensch oder sogar besser. Viele Tätigkeiten, die wir heute noch ausführen (müssen), soll künftig eine Maschine oder ein Rechner (Computer) oder gar ein Roboter erledigen, im Idealfall (!) sogar schneller, genauer und fehlerfrei.

Schon heute kann ein Computer Schach spielen, oft besser als ein Großmeister. Das Schachspiel selbst kann aber kein Computer erfinden.

Die Frage, die sofort auftaucht, heißt: Was kann nur ein Mensch und keine Maschine. Diese Frage stellt sich die abendländische Philosophie seit Newton (1643 – 1727) und Locke (1632 – 1704) sowie Leibniz (1646 – 1716) und Kant (1724 – 1804).

(Wir werden im nächsten Blog-Bericht „30. Der Mensch und die KI“ sehen, dass die Angelsachsen und die Deutschen darauf geradezu gegensätzliche Antworten hatten und haben.)

Auch ein Zufall kann nur eintreten, wenn es einen Rahmen und Regeln gibt, die dem Zufall die Möglichkeit geben, sich zu ereignen. Ein alltägliches Beispiel ist das Lotto. Ohne die Organisation einer Lotterie, ohne Gewinnregeln und  Menschen, die mitmachen, gibt es keine „zufälligen“ Gewinne. Diese Sache wird philosophisch und religiös, wenn wir fragen: „Wer hat den Rahmen und die Regeln geschaffen, nach denen die Naturgesetze, das Entstehung und Geschehen im Weltall ablaufen?“ Damit beschäftigen wir uns heute nicht.

Uns bewegt jetzt: Wie erreichen wir, dass eine Maschine denkt? Die Fachwelt sagt: „Dazu brauchen wir einen Algorithmus.“ Befragungen ergaben, dass nur 7% der Europäer wissen, was das Wort bedeutet. Die Wissenschaft, die Medien und die für die Bildung verantwortliche Politik haben also hier ihre Bringschuld nicht erfüllt.

Dabei ist ein Grundverständnis auch beim Algorithmus gar nicht schwer. Die Kurzerklärung im Duden lautet: „Algorithmus ist ein nach einem bestimmtem Schema ablaufender Rechenvorgang.“ Doch der Ausdruck wird über die Mathe und die IT-Technik hinaus verwendet: „Algorithmen bestehen danach aus endlich vielen, wohldefinierten Einzelschritten. Damit können sie zur Ausführung in ein Computerprogramm eingebaut, aber auch in menschlicher Sprache formuliert werden.“

Ein ganz einfaches Algorithmus-Beispiel ist ein Kochrezept, ein anderes der Ersatz des „Fräuleins vom Amt“ in der Fernmeldevermittlung durch die Selbstwahl. Telefonverbindungen müssen nicht mehr gestöpselt werden, die gewählte Nummer sucht sich selbst den Weg zum Ziel. Sehr neu sind der Rasenmäher und der Staubsauger mit Fühlern (Sensoren). Sie bearbeiten eine abgegrenzte Arbeitsfläche selbständig.

Der Motor hat die menschliche, tierische und natürliche Arbeitskraft wie Wasser- und Windmühlen ersetzt und vervielfacht. Nun werden durch Programmierung von Arbeitsgängen bei Maschinen die Arbeitsschritte automatisiert, d.h. selbsttätig hintereinandergeschaltet. Das brachte die Erfindung der numerisch gesteuerten Werkzeugmaschinen (CNC-Maschinen) seit den 1960er Jahren.

Werden nun diese Einzelmaschinen wieder mit einander verbunden, dann kommen wir zur digital voll vernetzten Fabrik, zur Industrie 4.0. Die Fließbandarbeit entfällt endgültig. Auch das ist nicht ganz neu. In den 1990er Jahren besuchte ich in Buchen-Hainstadt die Fa. Bott-Eder. Dort wurden Dachziegel hergestellt. Vom Abgraben des Tons über das Ausstanzen der Formen, dem Brennen der Ziegel bis zur Lagerung lief alles selbsttätig ab. Die große Fabrikhalle war menschenleer. Fachkräfte schauten nur, wo etwas stockte. Genau das ist KI mit einem wohldefinierten Algorithmus.

Betrachten wir noch zwei Aufgaben, die sehr wichtig und nutzbringend wären. Es geht (1.) um die Steuerung der Produktion durch die Kunden, nennen wir es die „kluge Ladenkasse“. Und dann bräuchten wir (2.) die zeitgleiche Übersetzung von einer Sprache in die andere; das wäre der „Dolmetscher hinterm Ohr“.

 Die „kluge Ladenkasse“ ist durchaus möglich und wäre für alle Beteiligten von Nutzen. Sobald heute ein Artikel über den Scanner gezogen wird, erscheint auf dem Bildschirm an der Kasse der Preis. Doch die Meldung müsste elektronisch in die Buchhaltung und Betellabteilung weitergehen. Dort kann KI auswerten, wie viele Artikel noch da sind oder ob automatisch eine Bestellung übers Internet abgeschickt wird. Wenn diese in der Fabrik eingeht, bearbeitet KI nicht nur den Versand, sondern entscheidet auch, ob im Lager noch genügend Vorrat ist oder die Fertigung von Nachschub angeworfen wird. Läuft der ganze Vorgang vom Kauf über die Bestellungen bis zur Herstellung selbsttätig ab, dann steuert der Kunde – wir können sagen – von unten die Produktion: Marktwirtschaft in Reinform!

Das zweite Beispiel ist der „Dolmetscher hinterm Ohr“, am besten in der Größe eines modernen Hörgeräts für Schwerhörige. Das wäre nur die Vervollkommnung und Verknüpfung von Spracherkennung und automatischer Übersetzung. Beides gibt es schon, weist aber noch erhebliche Fehlerquoten auf. Wir haben hier deutlichen, aber sehr nutzbringenden Forschungs- und Entwicklungsbedarf (F & E).

Der Personalchef von Heideldruck, Rupert Felder, meinte in einem Vortrag (20.11.18), dass dies nicht nur blad komme, sondern auch unser ganzes Schulsystem umkrempeln könnte. Fremdsprachen seien dann nicht mehr so wichtig. Das gäbe Raum für andere, naturwissenschaftliche, technische und sonst nützliche Fertigkeiten. Wenn sich unser Wissen alle zehn Jahre verdoppelt, dann können wir uns die vielen Unterrichtsstunden für Fremdsprachen vielleicht nicht mehr leisten. Denn zumindest bildungsmäßig, also im Überblick und in Kenntnis der Zusammenhänge, müssen wir alle die Orientierung behalten.

28. Industriepolitik 2030: Altmaiers Absicht ist richtig!

Mit der „Nationalen Industriestrategie 2030“ hat erstmals seit Erhard ein deutscher Wirtschaftsminister ein wirtschaftspolitisches Strategiepapier vorgelegt. Es soll mit allen Akteuren (Wirtschaft, Wissenschaft, Politik) diskutiert werden. Das ist ein lang eingeforderter, höchst notwendiger Schritt.

Die deutschen Bedenkenträger meldeten sich sofort und lautstark zu Wort. „Ökonomen begrüßen den Vorstoß, kritisieren viele Maßnahmen aber heftig.“ [Handelsblatt, 06.02.2019] Doch ausgerechnet ihnen ist seit Jahrzehnten nichts eingefallen. Sie waren „Blindgänger“ (Lisa Nienhaus, Die Zeit), die uns vor der großen Finanz- und Wirtschaftskrise (2007 ff) beste Aussichten vorhersagten und Jahrzehnte lang prophezeiten, China entwickle sich zu  einer westlichen Marktwirtschaft.

Nun sucht ein Politiker nach Gegenstrategien und legt Vorschläge vor. Altmaier will u.a.

  • innovative und Schlüsselindustrien stärken (z.B. Kleinsttechnik wie Mikro-, Nano-, Bio-Technik, KI [künstliche Intelligenz]) und ggf. schützen (z.B. Kuka)
  • Wertschöpfungsketten im Land, mindestens in der EU halten (z.B. bei Kfz-Bau nicht: die Batterien aus Asien, die KI aus den USA)
  • aktive Industriepolitik betreiben mit Beihilfen, Beteiligungen, Staatsfonds (z.B. digitale Infrastruktur ausbauen; Huawei abwehren)
  • Kartellrecht entschärfen (Das ist der problematischste Vorschlag, aber die heutige Handhabung ist weder schlüssig noch sachgerecht.)
  • aktive Mittelstandspolitik betreiben (Dieser Vorschlag ist noch vage und ausbaufähig. Doch die KMU und Familienunternehmen sind oft leichte Beute von Großkonzernen und Chinas Technologiehunger.)

Vorbilder sind die USA, Israel, wo u.a. das Militär ein Fortschrittstreiber ist (Internet, Weltraum-, Raketentechnik); ebenso China, Japan, Korea.

Altmaier betont zu Recht: „Es gibt kaum ein erfolgreiches Land, das zur Bewältigung der Aufgaben ausschließlich und ausnahmslos auf die Kräfte des Marktes setzt.“ Die „unsichtbare Hand“ (Adam Smith) lenkt in vermachteten Märkten nicht alles zum Besten; oft siegen die Mächtigen.

Auch im Handelsblatt [06.02.2019] wird erkannt: „Chinas Präsident Xi Jingping hat mit staatsmännischer Weitsicht zehn Schlüsselindustrien definiert, in denen die Volksrepublik in den nächsten Jahren Weltspitze werden will. Weder in Europa noch in Deutschland existiert eine vergleichbare Idee, wann, wie und wo der Kontinent technologische Führerschaft erreicht. Dieses Nichtstun ist reichlich naiv.“ [Sven Afhüppe]

Wir hatten 1969 bereits gute Ansätze. Doch der Sieg der Neoliberalen von rechts und die 68er-Revolte von links mit Technik- und Wirtschaftsfeindlichkeit haben die Entwicklung unterbrochen und uns zurückgeworfen.

So lesen wir im Oktober 1969 in einer Beilage zum Der Volkswirt“.  [vom 03. 10. 1969  –  „Der Volkswirt“ heißt heute „Wirtschaftswoche“]:

„In der Bundesrepublik ist die Zukunftsforschung eine noch junge Wissenschaft. Die Zahl der Skeptiker ihr gegenüber verringert sich jedoch zusehends. VW-Chef Kurt Lotz formulierte die jetzt ‚herrschende Lehre‘ auf der Gründungsversammlung des Industrie-Instituts zur Erforschung technologischer Entwicklungslinien während der diesjährigen Hannovermesse so:

„Wir können es uns heute nicht mehr leisten, irgendetwas dem Zufall zu überlassen, am wenigsten die Zukunft. Wir leben in einer Zeit, in der diese Zukunft auch zum ersten Male weitgehend durch den Menschen bestimmbar und damit prognostizierbar geworden ist. Damit wird die frühzeitige Kenntnis der technologischen Entwicklungslinien für eine Industrienation zur Frage der Existenz.“ – Das war 1969, vor genau einem halben Jahrhundert!

Dabei wurden fünf Forschungs- und Entwicklungsbereiche genannt, die jeweils als Schlüsselinnovation angesehen wurden und vor allem „unabhängig von Firmen-Interessen“ dargestellt und erarbeitet werden sollten:

  • Transport und Verkehr – Dabei stellten sie fest: „Nur völlig neue Verkehrssysteme [z.B. Transrapid] können das befürchtete Verkehrs-Chaos verhindern.”
  • Kunststoffe – „Sie werden zunehmend eine wichtige Rohware. Die Industrie muss für kunststoffgerechte Konstruktion und Gestaltung feste Regeln entwickeln. Der Kunststoffmüll kann und muss beseitigt werden.“ – Das wurde bereits vor 50 Jahren (!) erkannt. Heute sind die Weltmeere mit Plastikabfällen vermüllt.
  • Datenverarbeitung – „Der Computer wird in den nächsten Jahren vor allem für die Prozesssteuerung ganz erheblich an Bedeutung gewinnen.“ – Zuse machte die Erfindung, Silicon Value die Umsetzung. Altmaier betont: Nach wie vor haben wir eine sehr gute Forschung bei oft mangelhafter Umsetzung.
  • Werkzeugmaschinen – „Die Wirtschaftlichkeit von Klein- und Mittelserien wird durch den Einsatz numerisch gesteuerter Maschinen erheblich gesteigert.“ [Heute: CNC-Maschinen]. In diesem Bereich hielten unsere Industrie und die KMU den Anschluss.
  • Energieversorgung – 1969 hieß es: „Der steigende Energiebedarf lässt sich decken. Hier geht es nicht um ein Mengen-, sondern ein Kostenproblem. Erdöl und der Atomstrom werden die Preisführer sein; bereits heute ist die Kernenergie wettbewerbsfähig.“

Die Auswahl war treffend. Die Beispiele zeigen, was die Chinesen fordern und zum Grundsatz erhoben haben: Strategie verlangt dynamische Planung, die sich frühzeitig veränderten Erkenntnissen und Bedürfnissen anpasst. Nachjustieren ist ständig erforderlich. Die Energiewende hätte generalstabsmäßig geplant und umgesetzt werden müssen. Eine ‚Ethikkommission‘ beriet überhastet die Kanzlerin!

Zum „Transport und Verkehr“ bringt die Beilage des Volkswirts ein Interview mit Ludwig Bölkow, Leiter der „Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH“ in Ottobrunn bei München. Damals waren noch Technik-Pioniere Firmenchefs und Inhaber. Vorgestellt wird der Transrapid, der noch nicht diesen Namen hatte, sondern Hochleistungsbahn genannt wurde. Gegen den Verkehrsnotstand sollten solche Hochleistungsbahnen als reibungsfreies Verkehrsmittel auf Magnetkissen mit 550 km/h gleiten.

Unter einem Transrapidbild, auf dem die erste Strecke von Hamburg über Frankfurt und Stuttgart nach München eingezeichnet ist, heißt es hoffnungsfroh: „Die Modellbahn der Flugzeugbauer [= Bölkow]. In 10 Jahren kann sie Hauptträger des Fernverkehrs sein.“

Daraus ist bis heute nichts geworden. 50 Jahre wurden verschlafen. Sogar die herkömmliche Infrastruktur (Autobahnen, Brücken, DB) ist marode und steigert das Verkehrschaos.

Hans-Werner Sinn, Deutschlands anerkanntester Ökonom, schreibt noch 2009: „Der Transrapid war Deutschland keine 3 ½ Milliarden Euro wert. … Insgesamt wurden etwa 580 Milliarden € als Hilfen und Bürgschaften für die Banken sowie 100 Milliarden € als Bürgschaften für die Privatunternehmen und 81 Milliarden € für zwei Konjunkturprogramme zur Verfügung gestellt. … Schwindel entsteht, wenn man sich die Zahlen vor Augen führt, und Schrecken, wenn man an die Belastungen künftiger Generationen denkt.“ [Hans-Werner Sinn, Kasinokapitalismus, S. 11]  Da war Geld da und wurde in die Finanzwirtschaft geschossen. Nun jammern die Ökonomen, dass vergleichbar harmlose Mittel in die Realwirtschaft fließen sollen.