Archiv für den Monat: März 2019

32. Führung im Zeitalter der KI

Wir erkennen zwei unterschiedliche Einstellungen zur „Führung im Zeitalter der KI“ (= Künstliche Intelligenz).

Die einen sagen, es wird alles ganz anders. Wenn alle Daten ins System eingespeist sind, dann kann es nur eine richtige Entscheidung geben. Und diese wird dann vom intelligenten, d.h. denkenden Roboter, sogar besser gefunden als vom Menschen. Denn mit riesigen Datenmengen kann künstliche Intelligenz besser umgehen als menschliche.

Die Gegenmeinung sagt: „Der Mensch bleibt für die Entscheidungsfindung unersetzlich, kann sie aber durch Daten untermauern.“ [Fabian Schladitz, Künstliche Intelligenz ist der Hammer. Doch wo sind die Nägel, in: WWW.Handelsblatt-Journal.de, „Künstliche Intelligenz“, März 2019] KI-Maschinen sind dann Zuarbeiter für den Entscheider, vergleichbar Statistikern, Controllern u.ä.

Es liegt nahe, dass die erste Meinung jene vertreten, die dem Menschen auch keinen freien Willen zubilligen. Für sie, die Behavioristen, ist das Hirn wie ein Hohlspiegel, in dem die äußeren Eindrücke eingefangen werden und Reaktionen auslösen. Künstliches und menschliches Hirn arbeiteten danach im Grundsatz gleich.

Wir haben diese Frage im vorletzten Blog-Bericht ausführlich erörtert und die Überzeugung vertreten, dass der Mensch einen freien Willen hat. Entscheiden, also Handeln unter Unsicherheit, und schöpferisches Denken kann keine Maschine übernehmen. Vor allem entscheiden sich Menschen unterschiedlich und verfolgen dann unterschiedliche Ziele.

Die nächste Frage ist: Wer ist in Gruppen, Gemeinschaften und Unternehmen für welche Entscheidungen und Zielsetzungen zuständig und trägt dafür Verantwortung? Das ist zugleich die Frage nach Führung und Ausführung in Organisationen. Ändert sich daran etwas im Zeitalter der KI?

Wir haben in früheren Blog-Berichten bereits „Führen, Steuern und Ordnen untersucht und unterschieden. Danach kann KI möglicherweise einmal ausführen und steuern gemäß vorgegeben Zielen mit Zeit und Zahlen. Führen und ordnen kann sie aber nicht.

Bleibt hier alles beim Alten? Das kommt darauf an! Wer die vielen Aufsätze und Stellungnahmen zu „Führen im Zeitalter der KI“ liest und sich mit der Sache schon eingehender beschäftigt hat, dem kommen viele Forderungen, z.B. Führen durch Auftrag statt Befehl, bekannt vor.

In einer globalisierten und vom digitalen Fortschritt getriebenen Welt ändert sich die Lage der Wirtschaft und der Politik oft und schnell. Neue große und kleinere Unternehmen, Weltkonzerne und Gründer (Start-Ups) tauchen auf dem „Schauplatz des Wettkampfs“ auf. Und (!) es geht um Überleben oder Untergang. Das ist ein wahres, zum Glück meist unblutiges Kriegstheater. Und wer sich auskennt, trifft da auf bekannte Erfahrungen und Grundsätze.

  • En Mensch allein kann das Geschehen nicht überblicken. Die KI, das „Internet der Dinge“, die digital voll vernetzte Fabrik und nicht zuletzt die neuen Marktteilnehmer mit neuen Strategien und Produkten machen das Geschehen komplex; d.h. verwickelt und schwer durchschaubar. Die Folgerung heißt: Führen mit Stäben, und zwar generalstabsmäßig (dazu unten mehr).
  • Unternehmerisch-strategische und technisch-digitale Verantwortung müssen zusammengeführt werden. Auch das ist Stabsarbeit.
  • Letztlich geht es wie beim Militär um Führung bei unübersichtlichen, schnell wechselnden Lagen. Beteiligt sind da kleine schnelle und übergroße Angreifer. Dazu wurden unter bittersten Bedingungen überlebenswichtige Erfahrungen gesammelt Sie gingen in die militärischen Führungsgrundsätze ein. Es lohnt sich, diese unter den heutigen Bedingungen auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen.

In der früheren Heeresdienstvorschrift (HDv) lautet der erst fettgedruckte Satz bei „Führungsgrundsätze“: „Truppenführung ist eine Kunst, eine auf Charakter, Können und geistiger Kraft beruhende freie, schöpferische Tätigkeit.“ [HDv 100/1 Truppenführung, Oktober 1962; von 1962 bis 1964 war ich Zeitsoldat] – Damit bleibt hier KI außen vor.

Da das Geschehen so komplex, verwickelt und schwer durchschaubar ist, empfiehlt die HDv: „Die Lage ist meist ungewiß. Selten läßt sich vor dem Gefecht ein klares Bild über die Verhältnisse beim Feind gewinnen. Oft wird auch die Lage beim Nachbarn, mitunter sogar in der eigenen Truppe nur lückenhaft bekannt sein. In gespannter Lage jedoch auf Meldungen zu warten, ist selten ein Zeichen willensstarker Führung, oft ein schwerer Fehler.“ [HDv 100/1 a.a.O., Nr. 104] – Im Wirtschaftskampf gilt das in abgemilderter Form.

Für die Aufklärung der Feindlage ist in einem Bataillons- oder Generalstab ein eigener Offizier zuständig. Damit sind wir bei der Führungsunterstützung „Stab“. Stäbe entscheiden nicht, sie bereiten Entscheidungen vor. Entscheider ist stets der Kommandeur, also die verantwortliche Führungskraft. Allerdings haben in deutscher Tradition Generalstabsoffiziere die Pflicht, ihre eigene, vor allem auch gegenteilige Meinung vorzutragen. Dabei wird Perikles, der größte Feldherr im alten Athen, zitiert: „Denn auch dies ist unsere Art: da am freiesten zu wagen, wo wir am besten durchdacht haben.“ [HDv 100/1, a.a.O., vor Nr. 64]

Stäbe werden im Zeitalter der KI besonders wichtig. Denn hier werden die verschiedensten Fachbereiche (z.B. Strategie und Taktik, Technik und KI) zusammengeführt. Wie der Stab so dient auch die KI der Vorbereitung von Entschlüssen und Entscheidungen.

Trotz der oft großen Ungewissheit und Unübersichtlichkeit der Lage  verlangt erfolgreiche Führung vom Truppenführer klare und einfache Entschlüsse und Befehle. „Jedem Entschluss geht eine Beurteilung der Lage voraus. Sie verlangt rasche Gedankenarbeit, einfache, nüchterne und folgerichtige Erwägungen sowie Beschränkung auf das Wesentliche.“ HDv 100/1, a.a.O., Nr. 104]

KI kann dabei Hilfsdienste leisten, aber nie die letzte Entscheidung und Verantwortung übernehmen. Zur Umsetzung zitiert die HDv Moltke: „Fester Entschluss und beharrliche Durchführung eines einfachen Gedankens führen am sichersten zum Ziel.“ [HDv 100/1, a.a.O., vor Nr. 99]

Wichtig, kriegsentscheidend ist, dass sich der Chef des Unternehmens zu einer Entscheidung durchringt. Die schwächsten Führungskräfte und Feldherrn waren stets die Zauderer.

Im Zeitalter der KI können die Führungskräfte auch nur mit Aufträgen und nicht mit Befehlen führen. Man denke nur an den Einsatz eines Programmierers. Der Chef kann die Ziele für ein IT-Programm mit ihm durchsprechen und vereinbaren. Den Weg zum Ziel, die Ausarbeitung des Programms, muss der Programmierer eigenverantwortlich und selbständig durchführen. Die Zielerreichung hat er dem Chef zu melden (Auftrags- statt Befehlstaktik).

Wer an Tagungen zur KI und ihrem Einfluss auf unser Leben teilnimmt, dem fällt die „Schein“-Wissenschaftlichkeit auf. Die Vortragenden und Experten verlieren sich in Einzelheiten, in den Mengen von „Fakten und Daten“. Und solche Chefs schreiben am liebsten auch alle Details vor.

Clausewitz hält solche Leute geradezu für ungeeignet zu Strategie und großer Feldherrnkunst: „Darum sind auch diejenigen immer zu Recht als lächerliche Pedanten verspottet worden, die für die Erziehung eines künftigen Feldherrn [es] nötig oder auch nur nützlich hielten, mit der Kenntnis aller Details anzufangen. Es lässt sich ohne große Mühe beweisen, daß sie ihm schaden wird, weil der menschliche Geist durch die ihm mitgeteilten Kenntnisse und Ideenrichtungen erzogen wird. Nur das Große kann ihn großartig, das Kleine nur kleinlich machen, wenn er es nicht wie etwas ihm Fremdes ganz von sich stößt.“  [Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Frankfurt/M. 1980, S. 106 f] Scharnhorst sagt kurz: „Man muss das Ganze stets vor seinen Teilen sehen.“

Der größte aller denkbaren Pedanten ist die KI. Denn sie steckt tief im eingespeisten Datensumpf. Eine freie, schöpferische Tätigkeit, ein Abweichen von festen Formeln (Algorithmen) ist ein Widerspruch zu den Abläufen bei der KI.

 Nun kommt noch ein weiterer ganz wichtiger Punkt, den KI nie ersetzen kann: Führung richtet sich an Menschen. Führung muss den Willen vieler auf ein gemeinsames Ziel ausrichten.

Führung erfolgt am besten unmittelbar, persönlich und mündlich. Sie muss eine Gruppe dazu bewegen, gemeinsame Ziele trotz Widerständen zu verfolgen und zu erreichen. Dazu brauchen Führungskräfte wieder jene Eigenschaften, die unsere Bürger von Politikern fordern: 1. Vertrauen, 2. Voraussicht, 3. Sachverstand, 4. Durchsetzungsvermögen und 5. Bürgernähe. Letzteres hängt eng am Vertrauen: „Vertrauen zwischen Führern und Geführten ist die Voraussetzung jedes Erfolgs und die Grundlage für den Zusammenhalt in Not und Gefahr.“ [HDv 100/1, a.a.O., Nr. 43]

Innerhalb der Gruppe und zwischen Führern und Geführten muss Kameradschaft herrschen: „Kameradschaft erweist sich im Handeln und im rechten Einstehen füreinander. Sie ist das Band, das die Truppe in allen Lagen fest zusammenschließt. … Wer mehr zu leisten vermag, muss dem weniger Erfahrenen und Schwächeren helfen. Falscher Ehrgeiz, Selbstsucht und Unaufrichtigkeit zerstören die Kameradschaft.“ [HDv 100/1, a.a.O., Nr. 44]

Menschen, die nur ihre Karriere kennen, weder ihren Kollegen noch dem Unternehmen dienen wollen, sind zur Kameradschaft und Führung untauglich. Das gilt auch und gerade im Zeitalter der KI, wo kreative Teams zusammengeführt werden müssen.

31. Unsere Wirtschaft und KI

Wir setzten die Blog-Berichte „29. Wozu brauchen wir KI?“ und „30. Der Mensch und KI“ fort. Viele bewegt nun die Frage, wie es um unsere Wirtschaft und die KI steht. Sind wir gegenüber China und den USA hoffnungslos zurückgefallen? Verlieren wir den technologischen Anschluss und verarmen bald? Solche Unkenrufe hallen durch den Blätterwald – und die Welt des Cyber-Raums.

Dabei kam es zu einem Daten-Fetischismus: Wer als erster die meisten Daten über alles gesammelt hat, kann damit seine KI füttern, dann die Wirtschaft beherrschen und hat schließlich die ganze Welt im Griff. Darüber nachzudenken, lohnt sich.

Daten an sich sind kein Wert. Sie stiften erst Nutzen, wenn sie dazu dienen, von uns gewollte Ziele zu erreichen. Das ist ein Datenproblem, das viele seit den 1990er Jahren kennen. Plötzlich konnten mit der Elektronischen Datenverarbeitung (EDV) fast unbegrenzt Daten gesammelt und in Kennzahlenvergleiche eingespeist werden. Es wurden kommunale Vergleichsringe z.B. für Jugend- und Sozialämter gebildet. Dicke Wälzer voller sog. „Kennzahlen“ lagen plötzlich auf den Tischen der Amtsleiter. Doch sie allein bewirkten gar nichts. Sie führten weithin zu keiner Verhaltensänderung, also zu keinem Lernen.

Was sind eigentlich Kennzahlen, fragte damals die Geschäftsführerin eines kommunalen Spitzenverbands. Ich antworte: „Das ist einfach! Kennzahlen sind Zahlen, die uns Erkenntnisse zur Steuerung der Verfahren liefern. Welche dazu gehören, hängt von unseren Zielen ab.“ Das unterscheidet den Zahlen-Friedhof von einem ‚erfolgsorientierten Zielzahlen-System. Das letztere wurde damals auf Englisch „Balanced Scorecard“ (BSC) genannt. [Robert S. Kaplan, David P. Norton, Balanced Scorecard – Strategien erfolgreich umsetzen, Stuttgart 1997] Dabei sind Erfolge erreichte Ziele, am besten mit Zeit und Zahlen (Z³).

Das war damals ein Hype oder eine Massenbegeisterung. Alle Welt arbeitete mit BSC, auch Großkonzerne. Und deren Väter, Kaplan und Norton, sagten: Wichtig sind die Auswahl und Begrenzung der Zahlen. Selbst Weltunternehmen brauchen zur zielgerichteten BSC nur 20 bis 25 Kenn- und Zielzahlen, um strategisch zu steuern [Hauptkennzahlen; Kaplan / Norton, a.a.O., u.a.: S. VIII; 159, 295]. Der Mensch muss Herr des Geschehens bleiben und den Überblick behalten. Das ist zugleich die Kunst des abstrakten Denkens. Es wird von den vielen Einzel- und Besonderheiten abgesehen (abstrahiert), um das Wesentliche und Wichtige in den Blick zu bekommen. Wie ist das nun heute?

Am 27.02.2019 veranstaltete die SRH-Hochschule Heidelberg die Tagung „Sales 2020+: Perspektiven des Absatzmarktmanagements“. Die Redner überschlugen sich im englischen Wortschwall und Datenrausch. Gerade der erste Redner von BCG (Boston Consulting Group) war darin Perfektionist. Am aufschlussreichsten war bei ihm eine erlebte Episode, die er kurz berichtete. Vor über 20 Jahren besuchte er in China eine kleine Firma. Sie bestand aus lauter EDV-Spezialisten. Diese arbeiteten jeweils in zwei getrennten Gruppen an der gleichen Aufgabe zum Einsatz von KI für praktische Anwendungen. Der Name des Unternehmens war Huawei; es ist heute die Weltmarke, vor der auch die USA zittern. [Huawei will nun in die neuste Mobilfunktechnik (G5) auch in Europa einsteigen. Viele befürchten, dass dann das chinesische Ohr auch bei uns bei allem mithört.]

Etwas Weiteres wurde klar. Die Datensammler aus dem Silicon Valley (Google, Facebook u.a.) greifen vor allem personenbezogene Daten ab für Marketing und Werbung, womit sie ihre Milliarden verdienen. Das dient dem Verkauf und der Gewinnmaximierung. Die Chinesen sind Technik begeistert und auf Lösungen ausgerichtet. Wir können vereinfacht und damit näherungsweise sagen: Chinesen wollen die Technikführerschaft, US-Amerikaner die Marktführerschaft. Es sind unterschiedliche Blickwinkel und Schwerpunktsetzungen. Allerdings sammelt die chinesische Führung nun ganz viele Personendaten zur „Sozialisierung“, d.h. Kontrolle und Kollektivierung, ihrer Bürger.

Was wollen und können nun die Deutschen? Dazu gab es ein aufschlussreiches Interview im Handelsblatt (06.02.2019) mit Wolfgang Wahlster, seit 1988 Leiter des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Das DFKI ist mit über 700 Wissenschaftlern die weltweit größte Forschungseinrichtung für Künstliche Intelligenz. Es hat Standorte in Saarbrücken, Kaiserslautern, Bremen und Berlin. Bisher wurden mehr als 70 Unternehmen ausgegründet. Ein Zitat von Wahlster wurde die Interview-Überschrift: „Wir haben einen Vorsprung bei selbstlernenden KI-Algorithmen“.

Gleich zu Beginn verweist Wahlster auf einen Unterschied: „In den USA und China sammeln Unternehmen jede Menge personenbezogener Daten. Das passiert in Europa nur sehr beschränkt und ist aus datenethischer Sicht auch verständlich. Aber deutsche Unternehmen haben ein fantastisches Reservoir an digitalen Maschinendaten – mehr als jedes andere Land, da die modernsten Produktionsmaschinen hier entwickelt und gebaut werden.“

Der neuste Index für KI in den USA zeigt, dass bei den Top-Publikationen Europa mit 28 Prozent der Veröffentlichungen an der Spitze liegt, China folgt mit 25 Prozent auf dem zweiten Platz, und die USA sind auf 17 Prozent der Veröffentlichungen zurückgefallen. Wahlster führt dann Beispiele dafür an, dass China zu hohen Preisen deutsche KI-Firmen kauft, weil es deren Technik eben noch nicht entwickelt hat. Dazu gehöre z.B. eine KI, die Anomalien in Betriebsdaten erkennen kann. „Das ist hochinteressant – nicht nur für Wirtschaftsprüfer. … Deutschland hat definitiv einen Vorsprung bei der Echtzeit-Datenanalytik mit selbstlernenden KI-Algorithmen.“

Auch bei Bosch, BMW und ZF (Zahnradfabrik Friedrichshafen) ersetzen KI-Verfahren inzwischen die Endkontrolle, weil die Fertigungsabläufe laufend kontrolliert und notfalls nachgebessert werden. Das spare enorm viel Geld und Zeit. Inzwischen sind weniger Datenanalysten gefragt, sondern Spezialisten für maschinelles Lernen: „Sie müssen die passenden Algorithmen auswählen und die KI-Systeme trainieren. „Das Berufsbild des Datenanalysten wandelt sich durch KI fundamental, weil immer mehr selbstlernende Systeme entstehen.“

Auch zum Mangel an KI-Spezialisten, der weltweit herrscht, nimmt Wahlster Stellung. Es gäbe Anfragen von deutschen KI-Forschern, die aus den USA zurückkommen wollen. Allerdings profitiere auch China davon, dass derzeit zahlreiche chinesische KI-Experten aus den USA nach China zurückkehrten, wo sie heute teilweise schon mehr verdienen.

Sogar bei der Frage, ob wir auch Ausländer anlocken können, ist Wahlster zuversichtlich: Ja, vor allem in Ost- und Mitteleuropa gibt es hervorragende Leute. Wir am DFKI haben da beste Erfahrungen. Ich habe soeben den tausendsten Mitarbeiter eingestellt, ein Drittel sind Ausländer aus 60 Nationen, darunter viele Tschechen, Bulgaren, Russen und Polen. Sie passen von der Mentalität sehr gut und sind in Mathematik und Informatik sehr gut ausgebildet. Da gibt es noch ein Riesenreservoir.“ Was fehle, sei Wagnis-Kapital für junge Gründer und Ausgründungen aus Universitäten und Forschungsinstituten.

Zum Schluss sei noch auf eine sehr aufschlussreiche Antwort des DFKI-Chefs hingewiesen, dem im Februar mit Jana Koehler eine Frau folgte. Die Handelsblatt-Journalistin Barbara Gillmann verwies auf den Aktionsplan der EU, bei dem die europäischen Industriedaten in europäischen Datenräumen zusammengefasst und für das Training von KI zur Verfügung gestellt werden sollen. Auf die Frage, ob das realistisch sei, antwortete Wahlster: „Nein, das funktioniert so nicht, da digitale Betriebs- und Kundendaten oft das wichtigste Firmenkapital sind. Wechselseitiges Vertrauen, Datensouveränität, hohe Sicherheit und eine Monetarisierung der Daten sind daher unerlässlich.“

30. Der Mensch und KI

Wir setzen den letzten Blog-Bericht „29. Wozu brauchen wir KI?“ fort und stellen die Frage: Was kann nur ein Mensch und keine Maschine?

Dies beschäftigt die abendländische Philosophie seit Newton (1643 – 1727) und Locke (1632 – 1704) sowie Leibniz (1646 – 1716) und Kant (1724 – 1804). Im Ergebnis stehen sich zwei unterschiedliche Menschenbilder gegenüber. Sie beherrschen die Auseinandersetzung nicht nur um die KI, sondern auch die heutige Gehirnforschung und die Vorstellungen über den Ablauf der Wirtschaft und der Welt. Es geht um die Frage: hat der Mensch einen freien Willen oder sind er und die Welt naturgesetzlichen Abläufen unterworfen, die unbeeinflussbar sind?

Nach Erik Reinert, dem norwegischen Wirtschaftsprofessor an der Uni Tallinn (Estland), liegt der „elementarste Unterschied zwischen der englischen und der deutschen Ökonomik in ihrer Sicht des menschlichen Verstandes“. „Für John Locke war dieser eine tabula rasa, mit der ein Mensch geboren wird und in die sich die Eindrücke im Laufe des Lebens passiv einprägen. Leibniz hingegen vertrat die Ansicht, der Mensch habe einen aktiven Verstand, der konstant seine Erfahrungen mit bestehenden Schemata vergleicht – ein edler wie auch keativer Geist.“ [Erik Reinert, Warum manche Länder reich und andere arm sind – Wie der Westen seine Geschichte ignoriert und deshalb seine Weltmacht verliert, Stuttgart 2014, S. 43]

Führende angelsächsische Philosophen gingen und gehen davon aus, dass der Mensch keinen freien Willen hat. Das setzt sich im heutigen Behaviorismus fort. Vereinfacht ausgedrückt ist danach unser Hirn wie ein Hohlspiegel, der die von außen einfallenden Eindrücke verarbeitet und danach unser Verhalten (behavior) ausrichtet. Wir können auch sagen, das Hirn ist wie eine Schallplatte, die nur das abspielen kann, was vorher eingeritzt wurde. Das Hirn arbeitet danach reaktiv, nicht aktiv. So kann man sich auch die KI vorstellen.

Folgerichtig ist dann, was schon David Hume (1711 – 1776) betont hat: Nicht nur unser Gehirn arbeitet ohne freien Willen wie eine Maschine, auch die Geschichte läuft ab wie ein Uhrwerk (Laplace). [Pierre Simon Laplace (1749 – 1827): ‚Das System der Welt’ (1796) und sein fünfbändiges Buch ‚Die Mechanik des Himmels’ (1799 – 1825).  –  Letzte Auflage: Cambridge University Press 2009] Dies war das herrschende Weltbild der Wissenschaftler im 19. Jahrhundert und fand Eingang in die Ideologie des Marxismus, wonach die Geschichte zwangsläufig dem eigentumslosen, kommunistischen Endparadies zueilt. Der Liberalismus sieht es ähnlich; das „Ende der Geschichte“ ist das „Eine-Welt-Dorf“ mit gleichen Werten und einer liberalen, kapitalistischen Weltwirtschaft. [Francis Fukuyama, Das Ende der Geschichte. Wo stehen wir? München 1992 – Bestseller] – Das bezweifeln nun viele.

Dazu passt nahtlos die „unsichtbare Hand“ von Adam Smith (1723 – 1790), die ohne unseren Willen die Wirtschaft ins Optimum steuert.

Demgegenüber vertritt die deutsche Philosophie mit Leibniz (1646 – 1716) und Immanuel Kant (1724 – 1804) die Sicht eines aktiven Verstandes mit Verantwortung und freiem Willen. Aufklärung ist die Herausführung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit (Kant). Wir sollen eigenverantwortlich denken, handeln.

Gründlich und – aus meiner Sicht – sehr überzeugend haben Karl Popper (1902 – 1994) und John Eccles (1903 – 1997) den Behaviorismus kritisiert. [Das Ich und sein Gehirn, München / Zürich 1982, „18. Radikaler Materialismus oder radikaler Behaviorismus“, S. 88 ff – Popper war Philosoph, Eccles Neurologe.] Nach Popper und Eccles steuert das Ich mit seinem freien Willen unser Hirn. Wir tragen Verantwortung für unsere Entscheidungen, müssen Rechenschaft ablegen. Für vorsätzliches oder fahrlässiges Fehlverhalten werden wir bestraft. Darauf beruht unser ganzes Rechtssystem. KI-Maschinen oder Tiere können nicht vor Gericht gestellt werden.

Dieses unterschiedliche Menschenbild hat Auswirkungen in vielen Lebensbereichen. So ist bei Carl von Clausewitz der Krieg ein Aufeinandertreffen von gegensätzlichen „Willen“. Damit ist der Gegner nicht berechenbar. Er kann sich für uns unerwartet entscheiden und so die Schlacht gewinnen. Wir müssen spontan reagieren können.

Dieser unterschiedlichen Sicht des Menschen und seines Gehirns begegnen wir heute in der Hirnforschung und bei der künstlichen Intelligenz. Damit ist diese Frage kein philosophischer Gelehrtenstreit, sondern für die Wirtschaft und den Fortschritt höchst aktuell. Ein Teil der Hirnforscher geht vom freien Willen aus, ein anderer hält ihn für eine Einbildung. [Hans Günter Gassen, Das Gehirn, Darmstadt (WBG) 2008, „16. Der freie Wille“, S. 141 ff] Gassen glaubt an einen freien Willen, meint aber, die Frage sei derzeit und vielleicht nie „wissenschaftlich“ zu entscheiden. Dazu passt Karl Poppers „kritischer Rationalismus“, der davon ausgeht, dass wir nie eine wissenschaftliche Erkenntnis verifizieren, d.h. als „wahr“ beweisen, sondern nur durch neue Erkenntnisse widerlegen (falsifizieren) können. Er zeigte dies an den bahnbrechenden Umbrüchen des Weltbilds der Naturwissenschaftler.

Wer glaubt, dass unser Hirn nur eine bessere Maschine ohne freien Willen ist, der stellt letztlich die menschliche und die künstliche Intelligenz auf die gleiche Stufe. Womöglich wäre dann die KI dem Menschen ähnlich überlegen wie ein starker Motor unserer Muskelkraft.

Diese Fragen bewegen heute die Gemüter der Fachwelt. „Maschinen lernen, aber sie denken nicht“, wie Sabine Bendiek, Vorsitzende von Microsoft Deutschland, gerade für die „KI“ [Künstliche Intelligenz] erklärt: ‚Diese Intelligenz unterscheidet sich ganz fundamental von der menschlichen Intelligenz. Maschinen denken nicht. Sie sind einfach in der Lage, aus großen Datenmengen Muster zu erkennen, Rückschlüsse zu ziehen und so zu lernen. Maschinen können lernen, aber ohne zu denken. … Entscheidend ist: Die Menschen müssen wissen, was die Maschinen tun, wie sie es tun und wie wir sie trainieren.“ [Interview in: VDI nachrichten, 21. 04. 2017 (VDI = Verein Deutscher Ingenieure)]

Das wollen wir uns an dem Beispiel der „klugen Ladenkasse“ aus dem letzten Blog-Bericht veranschaulichen. Ein Zauberwort ist dabei heute das „Internet der Dinge“ („Internet of Things“). Dabei verständigen sich übers Internet nicht Menschen, sondern „intelligente Geräte“ (= Dinge), also Maschinen mit KI.

So arbeiten z.B. im „Internet der Dinge“ die „kluge Ladenkasse“ oder der „kluge Kühlschrank“, indem sie entnommene Waren selbsttätig nachbestellen. Werden Transportwege und Beförderungszeiten aufgrund von Erfahrungswerten automatisch eingerechnet, dann lernen der „kluge Kühlschrank“ oder die „kluge Ladenkasse“. Es wird die „zeitgenaue Lieferung“ (Just in time) mit KI optimiert, d.h. es wird rechtzeitig bestellt. „Lernen“ heißt nach Karl Popper aufgrund von Erfahrung, sein Verhalten ändern. Ein solches Erfahrungs-Lernen kann KI. Das ist auch leicht vorstellbar. Diese Begriffsbestimmung von Lernen haben Popper und Eccles durch die Beobachtung von Lernvorgängen bei Katzenbabys gefunden. Das ist aber noch kein „menschliches Denken“, das weder Katzen noch KI beherrschen. [Karl Popper / John Eccles, Das Ich und sein Gehirn, München / Zürich 1982, z.B. S. 453 ff, ] Menschliches Denken kommt nach Popper und Eccles dadurch zustande, dass das „Ich“ oder der menschliche Wille das Hirn als Werkzeug benutzen, um z.B. selbst gewählte Ziele aktiv anzusteuern. Das „Ich“ arbeitet aktiv, kreativ und willkürlich, d.h. eben unberechenbar und nicht vorprogrammiert. – Das ist auch der Gegensatz zum animalischen Trieb oder Instinkt, der dem Tier keine andere Wahl lässt. Nur im Mittelalter soll es gelegentlich Gerichtsverfahren gegen Tiere gegeben haben.

Fügen wir an: Entscheiden heißt „handeln unter Unsicherheit“; das kann nur der Mensch. Und nicht alle entscheiden gleich. Es gibt Zauderer und Draufgänger. Nirgends ist der Wille so entscheidend wie bei Wettkämpfen, Wettbewerb und – letztlich – im Krieg. Die unsichtbare Hand, der vorbestimmte Weltenlauf, auf den wir in Ruhe warten können, sind zwar bequem, aber in diesem Geschehen brandgefährlich.

So drohen der Welt heute Gefahren durch Fehlverhalten, für das wir Menschen die Verantwortung tragen. Das sind Klima- und Umweltkatastrophen, Atomkriege und auch zerfallende Staaten, bei denen wir von „kultureller Umweltzerstörung“ sprechen. Das kann uns keine Maschine, keine KI abnehmen. Der Mensch ist seines Glückes Schmied. Stephan Hawkings, der große, kürzlich verstorbene Weltraumforscher, meinte, die Menschheit sei zu dumm, um langfristig zu überleben. Wir halten es mit Karl Valentin: „Vorhersagen sind schwierig, weil sie die Zukunft betreffen.“